Raum : Selbst
Projekt
Kontakt
Kuratorin
Künstler
Ausstellungen
Dr. Friederike Hauffe
Daniela Ehemann
Barbara Eitel
Ulrike Ludwig
Markus Weis
Norbert Wiesneth
Francis Zeischegg
Catrin Otto
The Brno House of Arts
24.06.2011 - 14.08.2011

RAUM : SELBST | BERLIN - BRNO
In der modernen, medial inszenierten Gesellschaft sind realer und fiktionaler Raum nicht mehr klarvoneinander zu trennen. Das Verhältnis von Wirklichkeit und Imagination, von äußerem und innerem Erlebnishorizont wird zu einer zentralen Kategorie persönlicher Identität. Hier setzt die Ausstellung an. Sie reflektiert die Frage der jeweils individuellen Erfahrung am Beispiel des menschenleeren architektonischen Raumes. Ohne Nutzer und Bestimmung erscheint er sinnentleert. Architektur und das Ich sind einander entfremdet. So gewinnt der angesprochene Raum einerseits selbst spürbar Substanz und ist nicht bloßes Beiwerk. Andererseits ist der Betrachter aufgefordert, diese Leerstelle zu füllen. In seiner Imagination überlagern sich Identität von Abwesendem und Betrachter, von dargestelltem Raum und sich entfaltender Vorstellung des Einzelnen. Der Titel Raum : Selbst spielt darauf in doppeltem Sinne an.

Die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler loten das Thema in breitem medialen Spektrum aus. Gemeinsam ist ihnen die minimalistische Inszenierung, die oft nur andeutet, mit Ausschnitten arbeitet oder auf andere Weise abstrahiert. Diese Offenheit bindet den Betrachter unweigerlich mit seinen eigenen Vorstellungen in die Konstituierung der Räume ein und beteiligt ihn physisch und emotional.

Raum : Selbst ist langfristig als künstlerisches Forschungsprojekt zwischen Berlin und anderen europäischen Orten internationaler Gegenwartskunst angelegt. Das Thema mit seiner spezifischen Fragestellung zu Räumen als Projektionsfläche des Selbst wird an verschiedenen Ausstellungsinstitutionen fortgesetzt. Dort wird mit neu produzierten oder arrangierten Arbeiten auf räumliche Situation und Umfeld jeweils individuell reagiert. Neue Facetten gewinnt die künstlerische Auseinandersetzung durch die Zusammenarbeit der deutschen mit eingeladenen KünstlerInnen aus dem Gastgeberland.

Nach dem Start in Berlin 2008 (Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten) ist das Dům umění města Brna– The Brno House of Arts (Brünn, Tschechische Republik) im Sommer 2011 die zweite Station von Raum : Selbst. Am Projekt beteiligen sich die sieben Berliner und zwei in Prag arbeitende KünstlerInnen. In Brünn reagieren sie besonders auf das Dům umění das ehemalige Haus der
deutschsprachigen Künstlergemeinde, das durch den nach dem Krieg errichteten Vorbau dem tschechischen Funktionalismus angepasst werden sollte und dessen Räume von fensterlosen Wänden mit Oberlicht geprägt werden. Durch die Beschäftigung mit dem Ausstellungsort und durch die Zusammenarbeit mit den Gästen im Projekt, treten zu allgemeinen Fragen des Zusammenhangs von Raum und Identität auch spezifische Fragen des deutsch-tschechischen Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart.

Die zweiteilige Videoarbeit von Tomáš Moravec "od-do" [dt. "von-bis“] in den beiden Aufgängen zum Obergeschoss bildet Auftakt und Endpunkt der Ausstellung. In beiden Screenings verfolgt man einen schwebenden Tischtennisball gleich einem stummen Führer durch die im Aufbau befindliche Ausstellung am Morgen (östliches Treppenhaus) und ebenso durch die bereits fertige Ausstellung am Abend (westliches Treppenhaus). Von den Aufgängen gelangt man in den Vorbau, unter dessen Lichthaube Francis Zeischegg ihre Mobile Dachkammer platziert, die sie bereits in verschiedenen Zusammen-hängen, Innen- und Außenräumen und eingebunden in verschiedene per-formative Aktionen gezeigt hatte und auch hier neu kontextualisiert. Diese transportable Zeltkonstruktion übersetzt in Anspielung an das Atelier des „armen“ Künstlers eine Berliner Dachstube mit Fenstergaube. Die Arbeit wird von einer Tapete großflächig hinterfangen, die aus rot gedruckten Begriffen des Wortfeldes „home“ ein Rautenmuster bildet. Teils über diese Tapete hinweg sind Fotografien von Ulrike Ludwig gehängt. In ihrer konzeptionellen Bildserie vergleicht die Künstlerin verschieden gestaltete Raumecken, seien es Zimmer, Schränke, Schubladen. Die Beschaffenheit des leeren Raums in Konstruktion und Gebrauch versteht die Künstlerin als Chiffre für unsere kulturelle Identität und Ordnung des Alltags. Der dem Vorbau gegenüber-liegende große, annähernd 8 Meter hohe Saal, wird von Catrin Otto und Pavla Sceranková bespielt. Im Gegensatz zu Ludwig und Zeischegg, die den Raum mittels der Wände definieren, spielen in den Arbeiten dieser beiden Künstlerinnen die Accessoires als raumkonstituierende Elemente eine entscheidende Rolle. Pavla Scerankovás Mobiliar aus sozialistischen Kindertagen entwickelt sein befremdliches Eigenleben. Der Tisch katzbuckelt, der Lampenschirm explodiert und dem Bettkasten sprengen die enthaltenen Angelruten die Rückwand weg. Catrin Otto spielt in ihrer Fotoinstallation Moses Möglichkeiten mit Perspektivwechseln, die den Betrachter, der sich auf einen Orientierungspunkt einstimmen will, verunsichern. Mobiliar, das im Foto auf dem Boden stand, findet sich im realen Raum an der Decke wieder. Wand wird zu Fußboden oder umgekehrt. Barbara Eitel bezieht in ihrer Boden-zeichnung im benachbarten Raum ebenfalls verschiedene Standpunkte ein. Die begehbare Installation ausverschiedenfarbigen Folien spielt mit ineinander verschränkten Grund- und Aufrissen des Hauses, mit verloren gegangenen Elementen des ursprünglichen Stuckbaus des österreichischen Architekten Heinrich Ried und mit der vom tschechischen Architekten Bohuslav Fuchs funktionalistisch umgebauten Architektur des Ausstellungshauses. Im gegenüberliegenden Raum zeigt Daniela Ehemann ihre 7 m lange Installation, die sich auf die Villa Tugendhat des deutschen Architekten Mies van der Rohe in Brünn bezieht. Diese Ikone des Funktionalismus kannte die Künstlerin aus den perfektionistisch inszenierten fotografischen Widergaben, erlebt sie aber vor Ort während des derzeitigen Umbaus ganz anders. So baut sie das Haus in seinen Grunddispositionen im kleinen Maßstab nach und wirft es mehrmals in die Luft. In der Ausstellung rekonstruiert Ehemann das Modell stark vergrößert im Moment des freien Falls unmittelbar vor dem Aufprall, als Ebenen und Wände bereits auseinanderbrechen und sich voneinander lösen. Aus dieser beunruhigenden Situation heraus betritt man einen Ausstellungsraum, in dem sich der Besucher mit nur einem großformatiges Ölbild konfrontiert sieht. Das Motiv des geschlossenen Vorhangs von Markus Weis wirkt wie ein nicht erfülltes Versprechen, indem es den Raum gleich-zeitig öffnet und wieder verschließt. Tritt man näher heran, umfängt den Betrachter dieGröße der bemalten Fläche, die sich als ein Vexierbild aus unruhig bewegten abstrakten Streifen entpuppt. Über den Flur erreicht man den Raum von Norbert Wiesneth. Er zeigt in einem Neuarrangement von Fotoarbeiten aus der Serie Besetzungen, leere, zumeist sich selbst überlassene
Räume, die sich die Natur zurückerobert oder die von eigenartigen Apparaten belebt und nicht mehr von Menschen beherrscht werden.

Dr. Friederike Hauffe

Bilder